SEA-Games 2019Der grosse Tag! Marathon bei den SEA-Games

6. Dezember 2019

Es ist 3:30 Uhr am Morgen, als Dave und ich vom Hotel geweckt werden. Aber wach waren wir eh schon, vor lauter Aufregung. Der grosse Tag für Serena war angebrochen. Ein kurzes „Good morning“ per Whatsapp in Richtung Athletendorf, sie war auch schon wach und antwortete.

Bis zum New Clark Athletic Stadium sind es 45min Fahrtzeit, unsere organisierten Fahrer sind zuverlässig und pünktlich da. Serenas ganze Supporterteam startet mit mir, obwohl sie eigentlich noch ne Stunde länger schlafen könnten. Als Coach wollte ich möglichst früh an der Seite meiner Sportlerin sein.

Um 4:45 Uhr treffe ich auf Serena und das gesamte Marathonteam Singapur. Alwin und Gordon sind die beiden Männer, Angela die zweite Frau des Teams. Die Stimmung ist gut, alle sind fokussiert aber nicht übertrieben angespannt. Obwohl noch mehr als eine Stunde Zeit ist, geht es jetzt Schlag auf Schlag. Aufwärmen findet auf der Bahn neben dem Stadion statt, nur die Athleten und ihre Coaches sind erlaubt. Eine spezielle Stimmung, es ist sehr warm und der morgendliche Nebel liegt schwer in der Luft. Die Feuchtigkeit ist sehr hoch, Waschküche! Das Scheinwerferlicht vermischt sich mit dem Nebel zu einer spannungsgeladenen Szenerie. Die Sportler sind ruhig und spulen ihr Aufwärmprogramm ab. Serena macht einen sehr professionellen Eindruck, sie ist angespannt und konzentriert, aber sie ist weder zickig noch unansprechbar. Ich bin stolz auf sie und glücklich, bei diesem grossen Moment für sie da zu sein.


Wir reden nicht viel, ich lasse sie konzentriert bei sich bleiben. Über ihre Schmerzen im Unterschenkel verlieren wir kein einziges Wort. Wir beide wissen genau, dass es nicht nötig ist, dies zu thematisieren.

Die Spannung steigt, die Jungs müssen ins Stadion, in 15min starten sie! Serena hat noch 15min mehr. Die Wettkampfleiterin macht Hektik und stresst mit dauernden Durchsagen. Toll, wie unbeeindruckt Serena die Ruhe behält. So abgeklärt hab ich sie noch nicht gesehen, ich bin beeindruckt!


„Come on, come on“, krakeelt die Chefin Wettkampf in die Blärrtüte, „stand in line!“
Wie im Militär! Dann gehts zum Stadion, immerhin auf rotem Teppich. Dort dann nochmals in den Indoorbereich, weitere 15min warten mit etwas Aufwärmen. Für die Trainer ist hier Schluss, nur noch die Läuferinnen dürfen rein. Durch das offene Tor halte ich Blickkontakt zu Serena, sie lacht, ich bin erneut beeindruckt!

Die Männer starten und gleich geht die Post ab! Alwin und Gordon machen den Schluss, gut so Jungs! Ich hatte ihnen nochmals ans Herz gelegt, ihre Pace zu laufen und sich nicht von den anderen anstacheln zu lassen! Es sollte sich auszahlen.


Jetzt waren die Mädels dran, Serena darf als Erste vorneweg, sie steht auch als erste auf der Anzeigetafel! Gänsehautfeeling! Ein toller Moment für mich als Trainer, was nach ihrem Ermüdungsbruch im Sommer unmöglich schien, ist wahr geworden! Sie startet bei den SEA-Games für ihr Land!


Start! Serena und Angela machen es den Jungs gleich, sie lassen alle mal vorlaufen, sehr gut! Auch die Mädels hören auf meinen Tipp und gehen das hohe Tempo nicht mit!


Die Bedingungen sind brutal! Der warme nasse Nebel lässt mich schon beim reinen Dasein schwitzen, wie schlimm muss das für die Marathonläufer sein! Und dann die Strecke: nach dem Sportareal gehts auf ein 4 Kilometer langes welliges Betonband mit U-Turn, dann das Gleiche zurück. 5 Runden auf dieser Outbackrunde, denn Schatten wirft hier gar nichts!

Als ich das Stadion verlasse, um mich zum Betonband zu begeben, drückt sich bereits die Sonne durch den Nebel. Ihre Wirkung ist direkt zu spüren, 26 Grad sind es aktuell! Es werden bald mehr.

An der Verpflegungsstelle stehen die Getränke, die Coachs dürfen ihren Läuferinnen und Läufern die Verpflegung reichen. Ich kontrolliere Serenas Flaschen, sieht gut aus. Ghana, der organisierende Trainer für alle Laufdisziplinen, reicht den Jungs, die zum ersten Mal durchlaufen, das Wasser. Für Serena übernehme ich das, das ist mir und ihr lieber, wir sind ein eingespieltes Team! Serenas Verpflegung besteht aus einer kleinen Flasche mit Spezialgetränk und einer Tüte Gel. Ich bereite ihr die Flasche vor, teste, ob sich der Verschluss öffnet und öffne ihr das Gel. Ghana wundert sich, man merkt, dass er noch keinen Marathon gelaufen ist.
Aber unser Teamwork funktioniert.

Dann kommt Serena zusammen mit Angela, sehr schön, die beiden spannen zusammen. Jetzt nur keinen Fehler bei der Übergabe machen! Beim Team Philippinen lief einiges schief, ihre Läufer gehen leer aus, die Flaschen wurden zu hastig übergeben und fallen ins Leere. Nachlaufen ist nicht erlaubt!


Ich schaue Serena ins Gesicht, kurzer Blickkontakt, reiche ihr die Flasche mit Dreh in die Laufrichtung, Serena greift zu und …
… gut gegangen! „Gel is open“ ruf ich ihr hinterher.
Sie läuft nicht ganz rund, verhumpelt den Laufschritt ein wenig, mmh, doch der Unterschenkel. Ihr Gesicht wirkt aber entspannt und so passiert sie nach wenigen hundert Metern erneut unsere Refreshzone auf der anderen Seite. Ich reiche ihr zwei Schwämme und auf gehts in Runde 2 von 5!

Und so läufts weiter, nächste Runde das Gleiche! Die Sonne ist mittlerweile brutal, der Nebel verschwunden! Was ein Höllenmarathon! Man merkt wieder: Von Marathon haben die Leichtathletikverbände keine Ahnung, innerlich rege ich mich auf, aber ich muss freundlich bleiben. Team Philippinen versemmelt erneut die Übergabe, was sind das für Pfeiffen, ihre sehr guten Läufer tun mir leid! Thailand versemmelt auch, Team Singapore nicht, es läuft wie geschmiert!


Zwischenzeitlich habe ich die Wasserflaschen, die in der Hitze natürlich zur lauwarmen Brühe verkommen sind, in die Kühlboxen des Iso-Herstellers gesteckt. Natürlich sollte das nur für ihre Produkte sein, mir ist das egal, ich denke an meine Läuferinnen und Läufer und stecke einige Flaschen tief ins Eis.


Die dritte Runde ist absolviert, Serena sieht gut aus, Angela auch noch, beide laufen immer noch gleich auf. Für uns Verpfleger natürlich schwierig, beiden etwas zu reichen, den Platz dürfen wir nicht verlassen, wir müssen neben unserem Tisch bleiben, eine enge Sache. Erneut geht alles gut und meine Flaschenkühlung funktioniert, schön kalt! Was mich freut zu sehen: Serena läuft jetzt runder, sehr gut! Zwei Frauen hat sie mit Angela bereits überholt und der Marathon beginnt genau jetzt, km 25!



Serena kommt aus der vierten Runde, Angela hängt etwas nach! Klasse, „meine“ Rakete sieht gut aus! Jetzt noch einmal diese Horrorrunde, Auf Platz 6 liegt sie jetzt, grossartig!
Angela hingegen muss Serena laufen lassen, ihr Gesicht ist verzerrt, sie schnappt sich von Ghana ihre Verpflegung und beginnt zu gehen, das Aus, sie muss aufgeben, so schade! Übrigens nicht die Einzige, einige Frauen müssen das hohe Anfangstempo bei diesen Bedingungen leidvoll bezahlen!


Aber auch bei den Jungs! Der haushohe Favorit aus Thailand muss aufgeben, fix und fertig! Serena ist mittlerweile auf der letzten Runde, alle Übergaben haben perfekt funktioniert, fast! Denn es gab eine Verwarnung vom Offiziellen an mich, wegen Berührens der Sportlerin! Ich gab Serena einen aufmunternden kurzen Klapps auf die Schulter! Ich entschuldige mich, „All right“ sagt der Offizielle mit einem Lächeln, „but please not again“.


Während wir auf Serenas letzte Passage unseres Verpflegungspunktes warten, für sie ist es km 39, passieren die schnellsten Frauen. Zwei von Ihnen vorneweg mit ca. 100m Abstand. Dies sollte bis km 41.7 so bleiben, dann bricht die Führende plötzlich zusammen und bleibt völlig dehydriert liegen. Out of race, 500m vor dem Ziel! Die Bedingungen haben brutal zugeschlagen!

Ein Mann läuft an uns vorbei, zuckt, völlig dehydriert, wirkt orientierungslos. Ihm fällt die Flasche aus der Hand und torkelt weiter! Mein Gott, niemand darf ihm helfen, und es sind noch 2 Kilometer bis ins Ziel! Er sollte es nicht sehen. Marathon kann mega brutal sein!

Ich denke natürlich die ganze Zeit an Serena, wie wird es ihr gehen? Die Zweitplatzierte torkelt dehydriert auf den letzten 200m. Will falsch abbiegen, bricht zusammen, rappelt sich wieder auf! Mein Gott, ihr Vollpfosten der Leichtathletikverbände, wollt ihr das sehen? Soll Marathon so entschieden werden? Ich bin entsetzt und rege mich innerlich mega auf! Aber hier bin ich Gast, ich darf nichts sagen. Sie erreicht das Ziel, will weiter laufen, ihre Orientierung ist völlig daneben.

Wir warten in glühender Hitze mitten in der Sonne auf Serena, sie wäre Fünfte, wenn sie noch läuft. Dann endlich, weit entfernt kommt eine Läuferin, in der flimmernden Hitze können wir fast kaum erkennen, aber es muss Serena sein! Wir sind begeistert, bis…
… wir sehen dass sie geht, stehenbleibt! Mein Gott, Rakete, kämpfe, bitte bleib nicht stehen!
Wir sind geschockt, Serena geht raus und versucht die Abkürzung zum Stadion zu nehmen, torkelnd! Verdammte Sch…!

„Is a men“ ruft Derek, es ist nicht Serena! Und kurz danach sehe und erkenne ich sie, da kommt meine Rakete! Und wie! Schöner Laufschritt, nichts Gehen, wow, ich hab Tränen vor Freude in den Augen, zum Glück trage ich die Sonnenbrille! Es ist tatsächlich Serena!

„Hey rocket, you are great“ rufe ich ihr schon beim Ankommen zu! Nochmals Verpflegung und kühles Wasser für die letzten 2 Kilometer. Sie sieht toll aus! Der Blick im Tunnel, aber nicht verkrampft, fokussiert, auf Energiesparen eingestellt! Mein Gott, bin ich stolz auf sie! Und meine Taktik mit dem verhaltendem Start geht bei ihr voll auf!


Ich renne rasch zum Stadion, kürze ab. Eigentlich darf ich nicht ohne Permission hinein. Aber scheinbar strahle ich mit meinem Coach-Shirt genügend Autorität aus, werde freundlich gegrüsst und die Tore geöffnet. „Good morning coach“ rufen die Sicherheitskräfte! Ich stehe an der Ziellinie!


Und schon kommt Serena, und ihr Laufstil sieht gut aus, 3:14 zeigt die Uhr, als sie über die Linie läuft, was ein Moment für sie! 5. Gesamtrang bei diesem Brutalmarathon im Outback von New Clark City! Sie sieht mich, strahlt, und wir fallen uns in die Arme! Was ein unbeschreiblicher Moment, auch für den Trainer! Tränen der Freude fliessen! Welch Leistung meiner Singapur Rakete, ich bin nur noch sprachlos!


Die Jungs finishten zuvor als 6. und 7., ebenfalls grossartig! Auch bei Gordon und Avin ging die Taktik mit dem verhaltenden Start auf. Was ein Morgen bei den SEA-Games.

Das sind die Momente, wo der Trainer seinen Lohn bekommt, die strahlenden Augen seiner Läuferin. Die Freude der Familie, des Ehemannes und der Freunde, der Teammitglieder. Ich bin mega stolz auf uns, wir haben alles richtig gemacht. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft alle danke sagen, ich bin mega gerührt, ein unglaubliches Gefühl!

Immer wieder klopfen Serena und ich uns gegenseitig, ist das wirklich wahr? Das ganze Team Singapur ist da, der Verbandschef, alle gratulieren, auch dem Coach, “We win as one“ , das Motto der SEA-Games könnte nicht besser passen. Ich bin so happy für Serena, ich könnte sie dauerknuddeln.


Der Tag kann natürlich nichts Grösseres mehr bringen. Serena muss ins Athletendorf zurück, mit uns mitkommen darf sie nicht, hier gelten klare Regeln. Was das bringen soll frage ich mich allerdings, die Funktionäre der Leichtathletikverbände haben wohl zu viele Diskusscheiben an die Rübe bekommen.

Gerade als ich nach dem gemeinsamen Mittagessen mit der Familie und Freunden völlig übermüdet hinlegen möchte, lese ich die Nachricht von Jemandem, der abgeholt werden will. Ich schreibe nicht wer, aber klar kümmere ich mich um den Fahrdienst und fahre selbst mit zum Treffpunkt, nix Schlafen. Anstossen war angesagt. Wen ich abholte bleibt natürlich geheim, würde gegen die Verbandsinteressen verstossen.

Um 18:30 musste die Person dann wieder zurück, und wir wurden vom Unterminister für Sport, es gibt bei uns kein ähnlichen Beschrieb, zum Diner eingeladen! Wir, das waren alle Supporter von Serena, Familie, Freunde und Coach! Er nahm sich extra Zeit, mit jedem zu sprechen, ein schöner Abschluss des Tages. Aber ehrlich gesagt, hätte ich lieber mit Serena zu Abend gegessen, aber sie durfte das Athletendorf nicht verlassen. Das war sehr schade und tat irgendwie weh, all zu gerne hätte ich mit ihr angestossen.

Der grosse Tag geht um 23:30 zu Ende, todmüde, aber überglücklich.