BRCMarathonTempomacherLeipzig Marathon 2019

14. April 2019

Leipzsch, nennen die Einwohner auf Sächsisch ihre Heimatstadt. Die zehntgrösste Metropole Deutschlands hat nicht die grossen Sehenswürdigkeiten, aber sie hat eine bedeutende Geschichte. Wer ihr ein Wochenende abringt kann sich vor Ort davon überzeugen. Nicht nur Goethe liess hier den Faust in seinem Kopf entstehen, auch Johann Sebastian Bach war viel und gerne in Leipzig. Martin Luther hielt in der sächsischen Metropole wichtige Reden, die letzten Endes zur Reformation führten. In der jüngeren Geschichte trug die Bevölkerung durch die Montagsdemonstrationen 1989 entscheidend zur Wende und damit dem Ende der DDR bei.

Aber was bewegte uns, gerade in dieser Stadt einen Marathon zu laufen?
Eigentlich war es Gerd, unser Mitglied und Freund aus Leipzig, den wollten wir besuchen und mit ihm die 42.195 Kilometer absolvieren. Aber unser Leipziger machte sich in Richtung Kalifornien auf und davon und liess uns wortwörtlich im Sächsischen Regen stehen. Mit Absicht machte Gerd das natürlich nicht, als wir den Marathon beschlossen, stand für ihn die berufliche Veränderung noch in den Sternen. Aber ganz ehrlich – bei dem Wetter kann ich ihn bestens verstehen. 2 Grad und Regen sind nicht sexy, aber im April halt sächsisch. Trotzdem, ihm tat’s weh, uns in seiner Heimatstadt zu wissen.

Aber lohnt es sich denn auch ohne Gerd den Leipzig Marathon zu absolvieren? Eine Stadt wegen eines Marathons zu besuchen hat einen grossen Vorteil: Man kommt auch mal in eine Metropole, die man normalerweise nicht so ohne Weiteres auf der Reiseliste hat. Leipzig ist so eine Stadt, aber man kann zweifelsfrei sagen, sie ist eine Reise wert, durchaus auch ohne Marathon.

Die Thomaskirche beherbergt das Grab von Johann Sebastian Bach · Die Universität von Leipzig ist weltberühmt

So weit, so gut, aber wie war der Marathon? Das Startgeld von 45 Euro fällt direkt mal positiv auf. In Leipzig muss kein Eliteläufer mitfinanziert werden und auch keinen Schnullikram. Das sollte sich am Marathontag bewahrheiten, Leipzig ist ein ehrlicher Marathon, der voll auf den Sport fokussiert ist. Hier braucht es keine unnötigen Schleifen über Kopfsteinpflaster durch die Altstadt, die Strecke ist für Läufer gemacht, nicht für Touristen. Der Erlebnisfaktor hält sich dadurch natürlich sehr in Grenzen und auch Halligalli mit belustigten Zuschauern sucht man vergeblich. Aber Leipzig zeigt: Das braucht man für einen guten Marathon nicht.

Die Strecke läuft sich sehr gut, bis auf einen U-Turn ist keine enge Kurve drin und die Wellen mit leichten Höhenunterschieden beeinträchtigen das Tempo nicht zu dolle. Dass man zwei Runden macht, stört in Leipzig nicht. Alles flacher Asphalt und kein Kopfsteinpflaster. Problemlos hätte der Veranstalter wohl die Altstadt mit einbauen können, aber man lässt bewusst die Sehenswürdigkeiten links liegen, die kann man sich nach dem Marathon anschauen, gut so!
Für mich gab es aber noch was zu sehen: Das Stadion von Lokomotive Leipzig! Ein wenig Nostalgie, aber ohne den Marathon wäre ich da nicht hingekommen.

Sexy ist die Strecke nicht gerade · aber sie läuft sich sehr gut
Und endlich mal ein Start, wo nur Marathonläufer loslegen, keine Halblinge, Staffelstäbchen oder Supermarktfrauen, herrlich! Hier in Leipzig ist es, was draufsteht: Marathon! Klar gibt’s auch einen Halben und eine Staffel, aber es versteckt sich niemand im Feld der echten 42.195er, sie müssen warten und jeder am Streckenrand weiss: Die jetzt laufen machen keine halben Sachen!

Auch eher deutsch demokratisch spartanisch: Das Drumherum. So ist die Marathonmesse sehr bescheiden, aber wen stört das? Dafür wartet hier niemand fürs 00, nicht mal 15 Minuten vor dem Start. Und auch das Einstehen vor der Startzeit unstressig und völlig problemlos. Nix mit 1-Stunde-hinter-Viehgittern-ausharren.
Und mal ein Marathon mit einer Startgeraden, wo gut 1000 Meter keine Kurve das Feld zusammenquetscht und es dadurch zu gefährlichen Situationen kommt. Wirklich, das Ding ist für Läufer gemacht, die diesen Sport ernst nehmen, einfach klasse!

Viel Positives also, wären da nicht …

… die Suche nach der Zielverpflegung.
Wir suchten sie vergebens, scheinbar befand sie sich einige hundert Meter hinter dem Ziel. Wir haben sie nicht gesehen, aber das Bier am Bierstand schmeckte eh besser. Keine grosse Sache also.

… die Kilometerschilder.
Immer wieder das leidige Thema Kilometerschilder. 40 von ihnen stimmten perfekt, 2 aber überhaupt nicht. Zum Glück bringt das einen erfahrenen Pacemaker nicht so schnell aus der Ruhe. Kommentar des Veranstalters auf Nachfrage: „Die Schilder wurden alle vom DLV-Vermesser ganz genau gesetzt und ich solle mich nicht auf die GPS-Uhr verlassen“. Hab ich ja wohlwissend auch gar nicht, ich schaue nur auf die Laufzeit, und wenn ich alle Kilometer vorher annähernd gleich schnell war, dann aber plötzlich 20 Sekunden schneller, ohne dass man das Tempo verändert hat, dann hat sich der DLV-Vermesser bei der Vermessung der Vermessung vermessen. Beim 53. Marathon muss mir da niemand einen Bären aufbinden.

… die Zeitnahme.
Von mir manuell gestoppt: 3:25:00. In der Rangliste: 3:25:00, perfekt! Bei Anja sah das aber anders aus, sie hatte in der Rangliste eine 3:25:14 obwohl sie neben mir lief, wie kommt das? Antwort des Veranstalters auf meine Nachfrage: „Bei Top10-Platzierungen gilt die Zeit ab dem Startschuss“, die Bruttozeit also. Ok, das kennt man auch schon, nur benötigten wir ab Startschuss nur ca. 5 Sekunden bis zur Startmatte.

Auch hier wollen die Sportsfreunde aus Leipzsch mir zuerst mal einen Knopf an den Backen nähen. Das Zielfoto klärts zu Ungunsten des Zeitmessers auf: Anja rennt bei 3:25:06 über die Linie! Die Zeit in der Rangliste ist also definitiv falsch! Nicht, dass dies jetzt ein grosses Problem wäre, aber Vertrauen in eine exakte Zeitmessung ist anders. Was für den Veranstalter spricht: Man hat den Fehler erkannt und angepasst. Alles gut also und fair, das ist nicht selbstverständlich!

Die Kilometrierung und die Zeitnahme liessen bei uns ein paar Fragen offen
Vertrauen sollte man auch in seinen Pacemaker haben, wer das in Leipzig beim 3:30er hatte, der musste dran bleiben, denn der gute Junge lief die erste Hälfte gleich mal 6 Sekunden pro Kilometer schneller! Ich traute mich unter Pacer-Kollegen mal nachzufragen, die Antwort: „Wir haben uns in der Gruppe abgesprochen!“. Mmmh, ja nun, uns sollte das egal sein. Als wir den Mann mit Fahne kurz nach Halbzeit wieder einholten, was ich erwartete, löste sich seine Gruppe grösstenteils gerade nach hinten auf. Schade für diejenigen, die sich auf eine genaue 3:30er-Pace verlassen hatten und eventuell abreissen lassen mussten. Aber klar, man kann es nicht jedem recht machen und vielleicht waren auch welche dabei, die happy waren, eine schnellere Zeit geschafft zu haben, das wäre schön und ich hätte es der Truppe gegönnt.

Aber jetzt genug geunkt, das sehr positive Gesamtbild des Leipzig Marathons bleibt. Unbedingt erwähnen muss ich noch den tollen Fotodienst! Sportograf hat hier super Bilder gemacht, bei mir waren es ganze 128! Und es sind nicht die üblichen Standardbilder. Für 19.95 Euro kann man nicht motzen. Marathonphoto.com kann da einpacken.

Fazit: Dieser Lauf hätte auf jeden Fall mehr Starter verdient und ein besseres Wetter auch! Ob ich selbst nochmals in Leipzsch laufe? Warum nicht, dann aber mit Gerd!

Unsere Fotogalerien vom Leipzig Marathon – sehenswert!:
Fotos von José
Fotos von Rainer
Fotos von David
Fotos von Colin