MarathonTempomacherHamburg Mararthon 2017

23. April 2017

Hamburg – 8 Grad – Regen

Ein Pacemakerbericht von Rainer Hauch

Hamburg, 8 Grad Regen, so heisst ein Lied der ortsansässigen Ska-Punk-Band Rantanplan. Tja, und genau das war das Wetter, als wir am Freitag Abend aus dem weiss-orangem Jet auf dem Rollfeld des Flughafens ausstiegen. Laut Weatherpro und Co sollte sich das aber noch ein wenig ändern.

Cool ist Hamburg sowieso, Wetter hin oder her, und seit kurzer Zeit mit einem weiteren Highlight versehen: Elfie die Elbphilharmonie! Aus unseren Zimmern des Hotels Hafen Hamburg war sie zu sehen, sie ragt hinter den Masten der Rickmer Rickmers und der Cap San Diego in den grauen norddeutschen Himmel. Sehr sexy sieht die junge Elfie aus dieser Perspektive nicht aus, aber auch die sollte sich noch ändern.

Am Samstag Morgen nämlich, auf unserem Mobilisierungslauf von St.Pauli zu der Hafencity. Wer an diesem ungemütlichen Vormittag mit mir die Runde drehte, bekam auf der kurzen 4km-Runde Einiges zu sehen. Schon der Startpunkt ist in Hamburg der Touristenmagnet schlechthin, die Landungsbrücken! Laut schreiende Barkassen-Kapitäne weckten diejenigen von uns auf, die noch im Halbschlaf unterwegs waren. «Nicht so schnell» schrie ein Flottenadmiral, «Schnell?» rief ich zurück. Nein, schnell waren wir ganz bestimmt nicht und das sollte, bis auf ein paar Steigerungen am Schluss, heute auch so bleiben.

Schnell war aber eine Regenschauer aufgezogen und zwang uns zu einem Zwischenstopp in einem Lagervorraum, auch Ivo musste seinen Blueline-Belastungstest etwas früher abbrechen. Ein wenig Lauf-ABC und weiter gings. Und da war sie nun, direkt vor uns, die Elfie in ihrer ganzen Schönheit. Wow, wirklich beeindruckend, genau wie die Touristenströme, die zu ihr unterwegs waren. Aber das war noch nicht alles an Sehenswürdigkeiten, die Wohnung von Helene Fischer lag genau auf unserer Runde, wie auch die beeindruckende Speicherstadt und natürlich ein Teil der Hafencity! Wobei ich ganz ehrlich lieber die Helene gesehen hätte, als ihre Wohnung, ja nun, ihr BRC-Double hatten wir ja dabei und das war mir auch irgendwie lieber, denn mit ihr sollte ich ja am nächsten Tag wenn möglich knapp unter 3:10 Stunden zusammen laufen.

Gut erinnerte ich mich an das Jahr zuvor, Gudrun hatte ein tolles Vorbereitungstraining fast ganz hinter sich, drei Wochen vor dem Marathon war er dann für sie bereits zu Ende. Eine schmerzhafte Verletzung liess einen Start nicht zu. Ihren traurigen Blick habe ich nie vergessen, als wir am Marathontag das Hotel verliessen und sie als Zuschauer zurückbleiben musste. Ferrhat und ich liefen den Marathon damals für sie, in der Hoffnung, dass sie im nächsten Jahr in Hamburg am Start sein würde und dieses Mal war es für sie tatsächlich soweit und das freute nicht nur mich ganz besonders!

Für das Marathonwochenende war lebhafter Wind mit Sturmböen vorausgesagt, eine Kostprobe davon gab es dann gleich mal auf dem Rückweg zum Hotel, wow, wenn das Morgen mal gut geht? Mit gewissem Unbehagen schaute ich 24 Stunden in die Zukunft.

Um 6:15 läutete die Wecker-App, und an die Scheiben des Hotels prasselte nicht nur fetter norddeutscher Regen, sondern auch Eiskörner, verdammt, in gut 2 Stunden stehen wir am Start und 8 Grad mit Regen wären jetzt schon irgendwie fast toll! Aber auch hier blieb alles anders, denn als unsere rot-weisse Truppe plus ein Müllsack das Messegelände erreichte, schien erst einmal die Sonne und vom Wind war kaum etwas zu spüren. Dunkle Wolken waren keine zu sehen, das sah doch gar nicht so schlecht aus. Supernice!

Dann die nächste Überraschung, kein Stress an der Startaufstellung, keine übereifrigen Kontrolleure und so richtig eng war es auch nicht, fast ein Traum! Was hatte ich mir im Vorraus schon alles überlegt, um einen Block weiter nach Vorne zu kommen! Die Anspannung war jetzt natürlich enorm, ich war genauso nervös wie meine Läuferin, wollte das Bestmögliche für sie tun, als sei es mein erster Marathon. Für Gudrun war es das ja, und jetzt standen wir hier, wo Ferrhat und ich im vergangenen Jahr noch mit schwerem Herzen starteten und unsere Trainingspartnerin vermissten, da stand sie jetzt, nervös und angespannt, aber gesund und voll motiviert. 3,2,1…los!

Der Start gehört zu den gefährlichsten Momenten eines grossen Marathons, wenn man hier nicht aufpasst, kann das Rennen schon ganz schnell zu Ende sein. Hektik, Gedränge, Berührungen und Tempounterschiede machen diesen Augenblick oft zu einem heissen Tanz. Aber: Platz und barrierefreies Laufen vom ersten Meter an! Am Millerntorstadion hatten wir unsere geplante Pace bereits voll getroffen, ein perfekter Beginn auf dem Kilometer entlang des Doms! In Hamburg übrigens kein sakrales Gebäude, sondern der Jahrmarkt auf dem Heiliggeistfeld in St. Pauli. Der heilige Geist stand uns am Dom allerdings dann doch nicht zur Seite, denn mit dem problemlosen Start war der Bonus eines perfekten Marathons scheinbar bereits verspielt. Dunkle Wolken waren wie aus dem Nichts aufgezogen und beim Einbiegen auf die Reeperbahn begann es zu Regnen. Zu Regnen ist dabei eher hanseatisch zurückhaltend ausgedrückt, wir liefen in eine graue Wand und es schüttete nicht nur Wasser sondern auch Eis! Und dann nur noch Eis, kleine Einschläge am ganzen Körper stachen wie kleine Nadelstiche, man musste mit fast geschlossenen Augen laufen. Ganze Bäche liefen plötzlich auf der Strasse und als der leichte Anstieg nach Altona begann wurde es durch die Hagelkörner auch noch glatt auf der Strasse. Und dann diese Disziplin bei den Läufern, sensationell, alle liefen sie schön in ihrer Linie, kein unruhiges Hin und Her. „Scheisswetter“ machte ich mir lautstark Luft, „noch schlechter als der HSV!“. In St. Pauli kann man sich das trauen, dennoch gabs nicht nur Zustimmung, ein paar Blau/Weisse grummelten in sich rein und mussten mir zwangsweise Recht geben, schliesslich verlor die Hamburger Perle am Vorabend im eigenen Stadion gegen den Tabellenletzten aus Darmstadt.

Hagel und Regen waren beim Einbiegen auf die Elbchaussee in Altona schon wieder Geschichte, nur die komplett nassen Füsse zeugten noch von dem Unwetter. Es war Ruhe eingekehrt, ein paar Zuschauer, meist ortsansässige Familien, standen am Rand und applaudierten. Hier lief es sich nun gut, Gudrun und ich hatten genügend Platz und auch gute Laune, die Pace stimmte und der Blick meiner Begleiterin liessen keinen Zweifel daran, dass sie ihren ersten Marathon richtig gut hinter sich bringen wollte. Der Beginn der 42.95 Kilometer ist die Phase, wo der Pacemaker nicht Loki, sondern eher Bremswagen ist, sozusagen der Red Caboose, wie man ihn aus dem Musical Starlight Express kennt. Bremsen, bremsen, bremsen! Ja, das musste ich in der Tat, die Uhr zeigte zum zweiten Mal in Folge eine 4:22 für den Kilometer. Nach 46 Marathons weiss man, was ein zu schneller Beginn als Folge haben kann, das wollte ich Gudrun auf jeden Fall ersparen, also kurz am Zopf gepackt und Tempo etwas raus.

Irgendwie waren die ersten 10 schnell vorbei und das Highlight der Strecke stand kurz bevor: Die Landungsbrücken! Tausende Zuschauer machen diese Stelle jedes Jahr fast zu einem Marathonstadion! Zwar waren es dieses Mal nicht ganz so viele, das HSV-Wetter zeigte wohl seine Wirkung und viele von Ihnen stopften sich wahrscheinlich in die Elfie, aber dennoch war die Stimmung genial! Ab und zu mal noch mit einem „Moin moin Hamburg“ nachgeholfen und ab ging die Post, allerdings auch bei meiner durchtrainierten Mitläuferin, 4:11!!!!

Ok, es ging leicht bergab, aber jetzt bitte wieder Normalzustand junge Frau! Das erste Gel war fällig, mit meinen Handschuhen war das nicht zu bewältigen. Die waren eh noch patschenass, also aus damit und Gudrun gefüttert. Bei Kilometer 15 ging es dann kurz hinter dem Deichtor in den Untergrund! The final Countdown läuft in der Betonröhre, untermalt mit bunten Lichtern, eine spezielle Stimmung die Gudrun sehr gefiel. Was uns in dem Moment weniger gefiel: Wir hatten Ivo eingeholt und er war sichtlich am kämpfen. Wie sich dann herausstellte hatte seine Wade, die ihn in der Vorwoche mit Schmerzen beschäftigte, nicht gehalten und er musste leider an der Binnenalster aussteigen. Schwacher Trost für ihn: Die Highlights der Strecke hatte er gesehen und immerhin kam er 10 Kilometer weiter als im Vorjahr, aber ein echter Trost ist das für Ivo natürlich nicht, so schade, hatte er doch noch eine Rechnung in der Hansestadt offen!

Am nördlichen Ende der Binnenalster war jetzt mächtig was los, fast Tour de France Stimmung und perfekte Laufbedingungen, die Sonne schien etwas und kaum Wind zu spüren und wir näherten uns bereits der Halbzeit. 1:33:32 zeigte meine Uhr als wir die Matte mit einem lauten Piep überliefen. Hoffentlich ist das keine zu schnelle erste Hälfte, Gudrun hatte super trainiert, aber das war ihr erster Marathon! „Ich weiss nicht ob das normal und gut ist“ rief sie mir zu. „Was?“ fragte ich erschrocken. „Das ich mich jetzt erst so richtig warmgelaufen fühle und es jetzt erst Spass macht!“ Krass, die Frau hatte Nerven! An dieser Stelle war ich bei meinen schnellen Marathons meistens in meinem Loch, musste brutal kämpfen um die Pace zu halten! „Das ist mega“ rief ich ihr zurück, ohne es wirklich so richtig zu wissen. Aber schlecht sein kann das doch gar nicht, also ist es gut, oder?

Der stürmische Wind war unsere grösste Angst an diesem Tag, aber bis dahin war er nur mal kurz bei der Hagelschauer zu spüren, ansonsten war es erfreulich ruhig, die bekannte Ruhe vor dem Sturm? Eine Ecke hatte ich im Sinn, kurz nach Barmbeck in der City Nord, da blies es im vergangenen Jahr recht kräftig und der vorausgesagte Wind für den heutigen Tag sollte aus der gleichen Richtung aufbrausen. Kurz nachdem wir Kilometer 25 passiert hatten, wussten wir es, ja, es gab Sturmböen und zwar so kräftig, dass es Gudrun einmal komplett versetzte, der Wind stellte sie einfach 10 bis 20 Zentimeter weiter östlich ab. Jetzt bekam der Pacemaker eine zusätzliche Aufgabe, ab in den Sturm, seiner Läuferin Windschutz bieten. Das ist dann einer der wenigen Momente, wo man sich ein paar Kilo mehr wünscht, um mehr Fläche zu bieten.

Irgendwo im Sturm kam dann erneut Eis dazu, tausende kleine weisse Kügelchen flogen in der Luft herum und sorgten für die kleinen unangenehmen Stiche auf der nackten Haut. Wieder war eine Hagelschauer aufgezogen. Aber zum Glück nur von sehr kurzer Dauer, der starke Wind hatte aber noch nicht aufgegeben. Mittlerweile waren wir nur noch am überholen und Gudrun lief trotz der momentan widrigen Bedingungen ein klasse Rennen, sie sah noch richtig gut aus und winkte sogar mit den Zuschauern! Ob ich ihr das als Trainer verbieten sollte? Ach was, dachte ich, die Lockerheit ist gut und es soll ja auch Spass machen. Wir überholten Alicia und Tobi, eines unserer vier schnellen BRC-Laufpäärli. Das schnellste Duett waren Yvonne und Gerd, Evelyne und Wolle kamen wenige Minuten hinter uns, wenn alles planmässig lief.

Ohlsdorf, das ist für die meisten Hamburgmarathonis der Inbegriff des Schreckens, denn genau hier wohnt er, der berühmte Kilometer 30! Ich hab das eigentlich nie so recht verstanden, bei meinen Marathons lief es ab da nach einem Zwischenloch um km 25 wieder so richtig gut, deshalb war mir Ohlsdorf eigentlich in guter Erinnerung. Bei Gudrun war das anders, sie hatte gar kein Zwischenloch und lief trotzdem supernice! In dem Vorort nahe des Airports kommt hinzu, dass man ab dort die Rückreise zum Fernsehturm antritt, der ist zwar bei genauem Hinschauen schon ganz klein zu sehen, allerdings noch 12 Kilometer entfernt!

Der starke Wind hielt sich auf diesem schweren und langem geraden Stück bis ins Ziel zum Glück sehr zurück, das war eine motivierende Feststellung. Meine Läuferin liess ich nun ihr Tempo laufen, ich hatte sie bis Ohlsdorf mehrmals gebremst, ihr klargemacht, dass sie noch etwas Geduld haben müsste, ab 30 wäre dann nur noch ihre Mutter verantwortlich. Sie nahm mich beim Wort und legte eine 4:20 auf den Asphalt! Mein Gott, die Frau war immer noch nicht hart am kämpfen, klar, angestrengt, aber nicht auf der Felge, ich war mehr als beeindruckt, was sie hier abrief.

Auch nicht bei Kilometer 35 und 36, zweimal 4:17!!! Ich rechnete rasch hoch, da war ja sogar eine 3:06 drin, sie musste nur noch auf den letzten 5 Kilometern die normale Pace von 4:30 halten! Das sollte sie doch schaffen, so wie Gudrun unterwegs war! Aber jetzt sah man es ihr an, sie musste kämpfen, sie begann zu leiden. „Komm Gudrun, das ist Marathon, nur noch 5x1000m!“ Ich versuchte sie so gut wie möglich zu motivieren, sie musste ja nur noch die 4:30 laufen! Jetzt war der Moment gekommen, wo der Pacemaker so richtig Loki sein musste, die Läuferin ziehen, ihr das Tempo und die Frequenz vorgeben! Und sie wurde trotz Schlusskampf nicht viel langsamer, 4:22! Wow, ich war mehr als begeistert und in der Euphorie lief ich etwas zu weit vorraus. Gudrun rief mich zurück und der leichte Anstieg zum letzten Kilometer hin stand uns bevor. Jetzt war sogar noch eine 3:05 in Reichweite, Wahnsinn! Die 3:06 sollte sie sicher haben, so stark bricht sie nicht ein, oder doch? Sie kämpfte, überholte aber immer noch! Ich beatmete noch einmal die fast eingeschlafenen Zuschauer: „Sach ma, is bei euch denn schon Mittach?“ Gudrun hörte das gar nicht mehr, sie war in ihrem Tunnel und lief nur noch, aber das machte sie super, ganz grosse Klasse!

Und dann kam er, der rote Teppich, die letzten 300 Meter sind in Hamburg damit ausgelegt, und dann das Ziel, ein Blick auf die Uhr: 3:06:19!!! Was eine Premiere über die Königsdistanz! Ich war schlichtweg sprachlos! Ich hielt mich etwas zurück und liess meine Läuferin diesen speziellen Augenblick des Erfolgs geniessen. Dies war der schönste Moment eines Tempomachers, darauf hatte er sich besonders gefreut und von diesem Moment hatte er bereits vor Monaten geträumt, jetzt war er da!

Gerd und Yvonne waren nach 3:04:07 im Ziel, Alicia und Tobi nach 3:08:19. Und dann Evelyne mit Wolle als Loki mit einer sensationellen neuen Bestzeit von 3:13:43! Alle vier schnellen Mädels unter 3:15, was ein Rennen! Schade gibt es die Teamwertung in Hamburg nicht mehr, ich bin mir sicher, unsere Frauen wären da ganz weit vorne dabei gewesen!

Marc Baks kam dann kurze Zeit später, 3:15:43! Wegen einer Wadenverletzung konnte er sein Training nicht wunschgemäss gestalten und war deshalb voll zufrieden.

Marina musste ihren Lauf leider nach 25 Kilometern kraftlos aufgeben, so schade! Aber Kopf hoch, liebe Marina, wir sind zum Glück keine Maschinen die einfach drauf los laufen. Das nächste Mal wird es wieder passen!

Und dann war noch Reto unterwegs auf seiner Marathonpremiere! Ein Husten hatte ihn in der Vorwoche an einem Start zweifeln lassen, der Arzt gab aber am Vortag grünes Licht und so konnte er zum ersten Mal die 42195 Meter unter seine Laufsohlen nehmen. Sein Ziel: Möglichst unter 4 Stunden. Und das schaffte er zwar nicht ohne Anstrengung, aber ohne in Zeitnot zu geraten, was seine Endzeit von 3:45:24 deutlich macht. Bravo und willkommen im Club der Marathonläufer, super gemacht Reto!

Die Strecke teilen konnte man als Staffel auch, Anja und Mirjam taten dies im sogenannten Womens Race. Mein Grossvater sagte zwar immer, mach keine halben Sachen, aber bei den Mädels hätte er sicher auch eine Ausnahme zugelassen. Mirjam lief den ersten Teil, Anja den Zweiten. Leider waren die Distanzen nicht exakt zweimal Halbmarathon, die zweite Hälfte war etwas kürzer. Hochgerechnet wäre es für Anja nämlich eine neue Bestzeit gewesen, trotz verletzungsbedingter 3 wöchigen Pause kurz zuvor.

Am darauffolgenden Abend gab es im Fischereihafen dann Einiges zu feiern. Perfekt war das Wochenende nicht, aber irgendwie nah dran. Auf dem Rollfeld des Flughafens Hamburg ging es dann zu Ende, es regnete und das Thermometer am Tower zeigte 8 Grad.