AllgemeinUntertage Marathon Sondershausen 2014

15. Dezember 2014

Der letzte Untertagemarathon

 

Zum letzten Mal an einen Ort zu fahren, der einem etwas ganz Besonderes bedeutet, das ist mit vielen Erinnerungen und auch mit etwas Wehmut verbunden. So auch bei der letzten Reise zum Untertage Marathon in Sondershausen. Noch ein letztes Mal kam eine Truppe von 8 Lauffreunden zusammen, um diesen speziellen Marathon gemeinsam zu erleben, wie sich herausstellen sollte, die Beste, die man sich für so etwas vorstellen kann.

Untertage wie diesem, so hab ich vor einigen Jahren den bekannten Song der Toten Hosen umgetextet. Wir haben das Lied oft gesungen, aber eine echte Aufnahme gab es nicht. Für die letzte Einfahrt in den Schacht sollte das anders sein. Über 20 Stunden werkelte ich herum, doch dann stand sie, die Untertage-Hymne! Als wir am Freitag Abend auf der Burg in Grossfurra, unserer Unterkunft, ankamen, da hatten wir sie im Gepäck dabei.

Bevor wir das Abendessen in der Junkerschenke der Burg genossen, drehten wir noch schnell eine kurze Laufrunde zur Mobilisierung bis zum Schacht 5 des Bergwerkes. Nach der langen Fahrt im Kleinbus eine Wohltat. Und dann roch man es, das Salz, kurz bevor wir den Schacht erreichten, meine Augen glänzten, diesen Geruch kenne ich nur hier. Wer kurz mit seiner Zunge über die Lippen fuhr, der schmeckte es, das Salz. Gänsehaut!

Als ich am Morgen aufstand, da fühlte ich mich fit, lediglich der Umstand, das ich mitten in der Nacht schweissgebadet aufwachte, machte mir etwas Sorgen. So schwitzen tat ich nur, wenn sich mein Körper gegen irgendetwas wehrt. Ja nun, es ging mir ja gut, was soll also sein. Also nix wie zum Frühstück und dann …
…peng, ich knallte mit der Schädeldecke unter die Deckenkante beim Abstieg der kleinen Zimmertreppe. Weia, das tat weh und war gar nicht gut. Kurz benommen ging ich an die frische Luft, dann ging es wieder. Dass ich wenig später mit einem Helm laufen muss, das war sicher nicht gerade günstig, ich hätte ihn mal besser im Zimmer angehabt, verdammt.

Kurze Zeit später war der Dachschaden bereits vergessen, zumindest mal vorerst.

Die Einfahrt in den Schacht der Schächte stand bevor, das warten in der Warteschlange zeigte sich kurzweiliger als erwartet, kein Wunder, bei den Kumpels. DJ Luc machte die Box klar und dann lief es zum ersten Mal: Untertage wie diesem! Irgendwie konnte ich mir in dem Moment nicht vorstellen, bald einen Marathon laufen zu müssen.

Der Förderkorb wurde geschlossen und ab gings in die dunkle Tiefe. Ein ganz spezieller Augenblick, wenn man innerhalb von wenigen Minuten ins Erdinnere befördert wird. Nur eine kleine Lampe brannte, ansonsten Dunkelheit. 700 Meter später wieder Licht von aussen, wir waren angekommen, Glück auf!

Die fast 90 Minuten bis zum Start verliefen wie im Flug, Umziehen, Schuhe testen, Einlaufen, WC, Verpflegung, Bekannte begrüssen und dann: Der Start verschiebt sich um eine halbe Stunde! Hier unten kein grosses Problem, denn es ist warm und trocken, alle sind relaxed. Ja, es ist irgendwie anders, als bei einem normalen Marathon. Da sind sie alle nervös, manche nicht ansprechbar, hier ist das nicht so, es wird gelacht, gegrüsst, man freut sich! Obwohl ja jeder weiss, dass das hier unten kein Spass ist, dafür ist die Strecke viel zu schwer. Erstaunlich!

Ich nutzte die Zeit noch einmal für einen letzten kurzen WC-Besuch, leider, denn genau in dieser Zeit spielte der Streckensprecher mein Lied! Unter Tage wie diesem” – vor dem Start schallt der umgetextete Hit der Toten Hosen aus 500 Kehlen durchs Bergwerk.” schrieb die Thüringer Allgemeine später. Schade, hab ich den Moment verpasst. Aber Evelyne teilte mir die Begeisterung der Menschen später mit.

Und dann endlich der Start, und doch nicht! Der Veranstalter hatte sich für den letzten Marathon hier unten noch einmal etwas ganz Besonderes ausgedacht! Für jedes Land, das teilnahm, wurde eine Fahne hereingetragen und der Streckensprecher Martin Schmidt machte daraus in der Tat eine bewegende Zeremonie, erneut Gänsehaut! Und dann endlich, und jetzt war ich froh, dass es los ging, der Gongschlag zum Start!

Perfekt lief der Start, aus der ersten Reihe konnte ich mich ohne Hakeleien oder irgendwelchen gefährlichen Situationen auf den Weg machen, obwohl bereits gleich zwei rutschige Kurven zu bewältigen waren. Und dann die erste Überraschung, ein heftiger Anstieg zu Beginn der Runde. Den Grund dafür sollten wir später erfahren, die Strecke war wegen der Abbauarbeiten erneut geändert worden, 280 Höhenmeter kamen zu den 1000 hinzu! Und wellig war sie, die Strecke, in dauerndes Auf und Ab, sehr schwer, um sein Tempo zu finden. Was ich bei einem marathon gar nicht mag: Wenn Halbmarathonläufer gleichzeitig gestartet werden und mit einem mitlaufen. Und das war bei der letzten Austragung leider so, eine Orientierung, was die Gesamtplatzierung betraf war unmöglich und auch beim Tempo wurde man irritiert, die Halbschlappis hörten ja bereits nach 6 Runden auf.

Schwer einzuschätzen, wo ich mich im feld befand, wahrscheinlich unter den ersten 5, aber sicher war ich mir nicht. Timo aus Freiburg gesellte sich zu mir, ein sympathischer Mitstreiter, auch beim Marathon unterwegs, klar, ein Konkurrent, aber bis zum Schlussteil sehe ich das nicht so, da läuft man zusammen. Ich spürte sofort, dass er das nicht anders sieht. Jeder von uns lief sein tempo, mal war er vor mir unterwegs, mal ich.

Zum ersten mal ging es steil bergab, weia, das war anstrengender als erwartet. Und zum ersten Mal fiel mir auf, wie warm das in diesem Jahr hier unten war, wesentlich wärmer, als vor zwei Jahren, als ich zum letzten mal hier lief. Das sollte sich im Verlauf der Runde noch ändern, zu noch wärmer!

Ein zweites kürzeres Steilstück bergab und dann hörte man es: Untertage wie diesem! DJ Luc hatte seine Box beim Verpflegungsposten mitten in der Runde platziert und heizte ein! Super, der Kerl ist unschlagbar! Hier war es nun recht angenehm, ein leichter Luftzug durchströmte das Salzgewölbe. Und endlich konnte man wenigstens mal einige hundert Meter flach und damit richtig laufen!

Ab ums Eck und weiter bergab in Richtung…
…Hölle, genau so fühlte es sich bald an. Jeden Höhenmeter bergab wurde es heisser. Als es erneut um die Ecke ging stand die Luft, so extrem war das damals nur auf der langen Strecke, die mittlerweile längstens verschüttet ist, sie war zu gefährlich geworden. Zum allen Überfluss begann genau hier am tiefsten, dunkelsten und wärmsten Punkt der längste und heftigste Anstieg der Strecke! Wow, hier bekommen es sicher Einige mit der Angst zu tun! Selbst mir, als “erfahrener” Bergwerksläufer wurde es etwas mulmig.

Dann die zweite Überaschung: Der Anstieg war länger als erwartet, aber wenigstens wurde mit jedem Meter die Luft spürbar besser. Und dann hatte man sie hinter sich, sowohl der lange Anstieg als auch die Runde und laute Musik kam einem entgegen, wir waren wieder am Start/Zielbereich und die erste Runde absolviert!

So, jetzt rasch die Rundenzeit kontrollieren, Stopuhr gedrückt und …
… nichts, die Uhr zeigt nichts an! Verdammt! Luc hatte mir für den Mararthon die neueste Garmin-Topuhr gegeben, um sie zu testen. Grundsätzlich ja eine gute Sache, er hat sie auch extra auf meine Bedürfniss eingestellt, aber irgendwie haben wir beide das nicht mehr kontrolliert und nun das. Grundsätzlich ist das gar nicht so dramatisch, aber hier unten war die Rundenzeit das Einzige, an dem ich mich orientieren konnte. Vom Gefühl war ich wohl etwas zu schnell unterwegs.

Ich versuchte etwas Tempo herauszunehmen, das war auch bitternötig, denn der Anstieg zu Beginn der Runde machte mir bereits zu schaffen. Als ich Luc in der Strecke passierte warf ich ihm die Uhr entgegen, er sprintete hinterher und gab sie mir noch rechtzeitig. Ab jetzt sollte das ja funktionieren, dachte ich. Mitten im Anstieg piepste die Uhr, mmmh, komisch.

Und dann war die zweite Runde Geschichte. 27:30 tönte es vom Streckensprecher! Was? 15:00 wäre eine sehr ambitionierte Rundenzeit für mich gewesen, das hatte ich mir ausgerechnet, allerdings für die Strecke von vor 2 Jahren, die hier hatte mehr Höhenmeter! Das war ja pro Kilometer 20 Sekunden zu schnell! Das war gar nicht gut, aber jetzt konnte ich es nicht mehr ändern, also Tempo raus! Und zum Glück noch die Uhr gedrückt!

Pieps, nach knapp 5 Minuten nahm die Uhr die Rundenzeit! Verdammt, da war die Autolap drin, aber frag mich, woher das Teil hier ein GPS-Signal bekommt! Messung wieder für die Füsse und Uhr flog wieder in Richtung Luc! Kurz darauf ich auch! Und zwar heftig wegen einer glatten Salzplatte! Viel Zeit kostete das nicht, aber Flüssigkeit in Form von Blut, ich hatte mein Knie angeschlagen! Ich lief weiter und es ging, scheinbar nichts Schlimmes passiert, Glück auf!

Die dritte Runde war passiert und Martin, der Streckensprecher, er kennt mich bereits von anderen Läufen, kündigte mich als Dritten an! Ja, das war doch ganz ok, eigentlich mal eine perfekte Ausgangslage, schliesslich war der Marathon noch ein paar Kilometer lang und vor allem noch etliche Höhenmeter!

Die vierte Runde lief und ich hatte soeben Timo erneut überholt, er schien Mühe zu haben. Bei mir leif es auch nicht wirklich flüssig, ganz ok, aber locker war anders. Besonders das Bergab machte mir zu schaffen, ganz unerwartet eigentlich.

Luc reichte mir erneut die Uhr und zum vierten Mal ging es durch “die Hölle” mit dem langen Schlussanstieg der Runde. Zum ersten Mal spürte ich, dass ich leichte Schwierigkeiten hatte, schwergängig war das, nichts von Leichtigkeit, wie noch vor zwei Wochen bei meinem 36er mit über 1000 Höhenmetern. Uff, und das noch acht mal! Timo passierte mich erneut und ein weiterer Läufer, oh je, aber vom Geschnaufe gehe ich bei ihm mal von einem Halbmarathonläufer aus.

Die Uhr funktionierte jetzt, aber ich vergass draufzudrücken, ja scheiss doch der Hund drauf! Jetzt laufe ich nach Gefühl, basta! Und das sagte mir in Runde fünf nichts Gutes, es war harzig geworden und machte keinen Spass mehr. Als ich Evelyne und Ralf einhole, ruft mir Evelyne nach: “Bleib locker, Rainer!” Ja, da hatte sie dermassen Recht! Sie hatte gesehen, dass ich bereits am ackern war!

Nun tat auch der Kopf etwas weh, der Helm begann doch zu drücken. Aber es war auszuhalten, keine grosse Sache. Dennoch zog ich ihn mal kurz ab um den Druck etwas zu nehmen. Nach dem ersten Gel ging es nun wieder etwas besser, Timo war wieder zu sehen.

Noch eine Runde und dann ist Halbzeit! Dann beginnt erst der Marathon und vor allem sind mal die schnellen Halbmarathonis von der Strecke. Aber Mitte der sechsten Runde lief es wieder harziger, vor allem das Bergabstück tat bereits richtig weh, jetzt schon! Und das noch sechs mal überstehen? Ich goss mir an der Verpflegung zum ersten mal kaltes Wasser über den Kopf, das tat gut. Und wieder ging es hinab zur Hölle. Als ich wenige Meter in den Anstieg hineingelaufen bin, da war es passiert, fertig, ich hatte keine Lust mehr! Scheiss doch der Hund drauf!, rief ich, und ging!

Was soll ich tun, überlegte ich mir, beim Halbmarathon raus? Nein, das kam beim letzten Untertagemarathon nicht in Frage, ich muss das Ding beenden, ich lauf noch ein paar Runden mit den Anderen, das wars!