MarathonBärenfels Heiligabend-Marathon 2011

24. Dezember 2011

HEILIGABEND AN DER AUTOBAHN

Es gibt nur einen kurzen Moment, wo ich die Idee verfluche, am Heiligabend einen Marathon zu laufen: 6:00 Uhr im mollig warmen Kuschelbett und der Wecker läutet zum Aufbruch. Noch nervender ist der Klingelton meines Phones, wenn das Wetter draussen bei windigen 3 Grad zum ergiebigen Nieselregen ansetzt. Eigentlich würde mich niemand bei der 6. Austragung der wohl verrücktesten 42.195 Kilometer vermissen, denke ich noch, da klopft es auch schon an der Tür und Wolle will wissen, ob ich schon wach bin. Noch ein schmerzhafter Moment des aus dem Bett Streckens und der härteste Teil des Heiligabend-Marathons liegt bereits hinter mir.

Ganze 90 Minuten später stehe ich in einem Industriegebiet, es ist stockdunkel und nur die Lampen der Verladerampe beleuchten die ungemütliche Örtlichkeit. Ich warte bei starkem und kaltem Wind und immer noch Nieselregen auf Wolle, der die Laufschuhe im Kofferraum zusammenschnürt. Endlich kanns losgehen, wir gehen frierend zur Startnummernausgabe. Am Ende des Strassentunnels unter der A62 sehen wir unwirkliche Gestalten herumhuschen, es wird gelacht, erkennen kann man fast nichts. Ein Auto mit laufendem Motor ist die einzige richtige Lichtquelle und erleuchtet die Startverpflegung, die Garderobe und die Startnummernausgabe zusammen. Die Abgase, denke ich mir, wärmen wenigstens etwas, denn ansonsten zieht es durch den Betonschlund. Die ganze Szenerie ist genau nicht das, was man sich unter einer idyllischen Weihnachtslandschaft vorstellt und draussen vor der Autobahnunterführung steht alleine und verlassen ein mannsgrosser Nussknacker mitten auf der matschigen Wiese, als wolle er der ganzen tristen Kulisse trotzen, er ist der Wendepunkt der Marathonrunde. Das Dixiklo sorgt neben der A62 ebenfalls noch für etwas Farbe im eher grau-braunen Ambiente und mit ihm ist das Startgelände des Heiligabend-Marathons in Hoppstätten Weiherbach komplett. Aber gerade diese Art, einen Marathon auf die Beine zu stellen, ohne pompöse und kommerzielle Geschichten, mit den einfachsten Mitteln, das ist es, was diese Veranstaltung ausmacht. Man sucht vergebens nach Run to the Beat, Pastaparty, Eventmanagern und Leuten mit Luft in der Birne, nein, hier vermisst das Niemand, im Gegenteil, hier will das niemand sehen und hören. Dafür ist alles was geboten wird mit Liebe und Entusiasmus zum Sport und ihren Sportlern gemacht, der Familie Feller, Helferich und ihren Freunden und Verwandten sei Dank.

Über 80 Läuferinnen und Läufer wollen sich an diesem noch dunklen Morgen auf die 42.195 Kilometer wagen und das auf 5 Runden verteilt, jede davon mit 200 Steigungsmetern versehen, was insgesamt 1000 Höhenmeter bedeuten. Ole ole ole ole, we are the champions, tönt es aus dem kleinen Gigaphon von Robert Feller, der die Startnummernausgabe für einen kurzen Moment unterbricht und verlauten lässt, dass der Marathon um 15 Minuten nach hinten verschoben wird, Grund der Massnahme: Es sind noch Läufer auf der Autobahn unterwegs, die sich verspätet haben! Wer Angst hat, das Zeitlimit zu übertreffen, der darf schon früher auf die Strecke, beim Heiligabend-Marathon kein Problem.

Nach weiteren 15 kalten und zugigen Minuten startet dann endlich das Starterfeld unter ole ole ole, we are… auf die 8.5 km lange Runde, die endlich wieder schneefrei zu absolvieren ist. Von wem gestartet: Robert Feller natürlich, ein Wählt-mich-Politiker-Gesicht oder ein schmieriger CEO von irgendeinem Sponsor wird hier nicht benötigt und vor allem nicht vermisst. Über einen halben Meter Schnee war es im vergangenen Jahr, 2009 waren es rutschige 10-20 cm. Rutschig war es in diesem Jahr nur bergab etwas, dafür aber matschig und nass. Die Regenschauer hatten noch nicht nachgelassen und uns wehte entlang der Autobahn ein starker Nordwestwind um die Ohren. Nach lockeren 10 Minuten, die alle schon mit leichtem Bergauflaufen absolviert wurden, begann der richtige Anstieg. Gut einen Kilometer geht es nun steil bergauf, das Feld zieht sich auseinander und die Kälte war plötzlich wie weggelaufen, die ersten Überhänge und Pullover wurden gelüftet und entsorgt. Stefan Jacob aus Kirn hat sich nach wenigen Metern zu mir gesellt, er will unter der 4 Stunden-Marke bleiben, mein erster Eindruck lässt mich nicht an der Umsetzung zweifeln, er zieht souverän und locker den Anstieg hinauf. Ich hatte mich derweil mit anderen Problemen herumzuschlagen, eigentlich schon seit dem Aus-dem-Bett-Kämpfen: Muskelkater der höchsten Kategorie, verursacht durch zu kämpferischen Einsatz beim Unihockey am Donnerstag-Abend mit den Jungs vom LSVB. Ich fühle mich daher beim Passieren des 3km-Schildes bereits so, als hätte ich das 10-fache absolviert. Was bin ich auch für ein Idiot, aber Lucki und seine Mannschaft durften nicht noch einmal gewinnen, nun zahlte ich den Preis dafür. Mittlerweile hatten Stefan und ich die beiden vor uns wieder eingeholt, es war Rainer Koch mit Rene Strosny, mein Namenskollege gewann mittlerweile nicht nur den Transeuropalauf sondern auch den Transamerika-Run mit 106 Stunden Vorsprung! Ihn kann man also ohne Zweifel zu einem der besten Ultraläufer der Welt zählen und er machte es an diesem Heiligabend mit mir gleich, er lief nur zum Spass und zu Trainingszwecken ganz ohne Ambitionen.

Der Regen lässt nun immer wieder nach und zwischenzeitlich war es richtig hell im Wald geworden. Und dann leuchtete es mir auch schon grellgelb entgegen, das Hittche (Hütte), die Verpflegungsstelle. Ich lasse sie noch links liegen und folge Stefan in Richtung Wendepunkt. Da wir nun die Begegnungsstrecke absolvierten, konnte man schön die Platzierung und die jeweiligen Abstände ausmachen und als wir zum ersten Mal den Nussknacker auf der matschigen Wiese umrunden, liegen wir so ungefähr auf Platz 12 und 13. Wolle folgt schon bald und ich entschliesse mich, das Tempo ein wenig herauszunehmen, es ist mir mit den schweren Muskeln zu schnell geworden, es soll ja noch Spass machen. Stefan ist nun nach vorne weggezogen, ihn werde ich erst im Ziel wiedersehen. Die zweite Runde laufe ich somit fast ganz alleine, eigentlich mein liebster Moment bei einem Marathon, gerade beim Untertage ist das der schönste Augenblick, wenn man ganz alleine durch die Gänge fliegt. Dennoch warte ich am Hittche auf Wolle, Zeit zum Essen und Trinken und ab sofort geht es gemeinsam auf den teilweise matschigen Waldwegen weiter. Obwohl es sich natürlich wesentlich besser läuft, als in den Vorjahren, den Schnee vermisse ich irgendwie, war es nicht nur eine besondere Herausforderung, es war auch irgendwie weihnachtlicher im Wald, jetzt war es halt eher grau und nass.

Und so fliegen die Runden und die Zeit dahin, ohne besondere Vorkommnisse und wir Umrunden zum vierten Mal den Nussknacker an der Autobahnunterführung. In der vorletzten Runde wünscht man sich meistens zum ersten Mal, das die Wald-Matsch-Lauferei bald ihr Ende findet, wenn man dann in die letzte Bärenfelsumkreisung einbiegt, dann sieht man das Ziel irgendwie schon vor den Augen. Die letzte Steigung laufe ich in meinem Tempo hoch und Wolle fällt etwas zurück. Als ich oben ankomme, denke ich noch, wo wohl der Bärenfels ist, der diesem speziellen Lauf ja den Namen gibt. Einige Runden habe ich hier oben schon gedreht, gesehen habe ich ihn allerdings bisher noch nie. Und so geht auch die letzte der fünf Runden ihrem Ende entgegen, ohne dass ich den Felsen zu Gesicht bekomme. Ich erreiche zum letzten Mal die A62-Unterführung und dieses Mal darf ich bleiben, muss nicht mehr hinaus auf die flatschige Waldrunde. Entsprechend froh bin ich und schnappe mir direkt einen warmen Tee von Oma Feller gereicht. Warm ist etwas untertrieben, er ist heiss, nein er kocht noch, dass der Plastikbecher das aushält grenzt an ein Wunder. Ohne Nachfüllen mit kaltem Wasser hätte ich wohl noch 2 Stunden auf das Abkühlen des Tees warten müssen. Wolle kommt 2 Minuten nach mir ins Ziel, am Schluss werden wir beide zeitgleich auf Platz 10 gewertet, inklusive 5 Minuten Zuschlag. Warum? Das wissen nur die Fellers, mir soll es egal sein. Wahrscheinlich lag es daran, dass wir kurz nach der Zielankunft zum zweiten Mal die Ziellinie zusammen überschritten, es hätte aber trotzdem auffallen müssen, dass wir bereits im Ziel waren.

Nachdem ich durch den Luftzug im Betonschlund der A62 wieder richtig kalt bekommen hatte, freute ich mich schon auf die warme Dusche, die dann leider kalt ausfallen sollte. Nach der Siegerehrung im Kino 3 des Movie-Centers, bei dem alle Teilnehmer nach vorne gerufen werden und ein Präsent bekommen, war es dann endlich soweit: Es war Weihnachten!